Praxis für Ästhetische Medizin gründen: Die wichtigsten Erfolgsfaktoren aus der Praxis
Der Schritt in die Selbstständigkeit reizt immer mehr Ärzt:innen – vor allem in der Ästhetischen Medizin, wo eigene Behandlungskonzepte, langfristige Patient:innenbeziehungen und unternehmerische Freiheit möglich sind. Unterschätzt wird dabei oft, dass medizinisches Können längst nicht mehr der einzige Erfolgsfaktor ist. Positionierung, Marketing, Mitarbeiterführung und wirtschaftliches Denken zählen heute genauso.
Im Podcast „Aesthetics Beyond Beauty“ erzählt Dr. med. Merita Schojai-Schultz, wie aus einer angestellten Ärztin eine Unternehmerin wurde. 2018 gründete sie gemeinsam mit Dr. med. Dascha Berek Lieb Dein Gesicht – heute eine der bekanntesten Marken für Ästhetische Medizin in Deutschland mit fünf Standorten und rund 60 Mitarbeitenden. Ihre Erfahrungen zeigen: Erfolgreiche Praxen entstehen nicht zufällig, sondern durch klare Entscheidungen und die Bereitschaft, über die klassische ärztliche Rolle hinauszudenken.
Hier das ganze Video:
Der Weg zur eigenen Praxis
Am Anfang stand bei Dr. Schojai-Schultz kein Businessplan für ein wachsendes Unternehmen, sondern die Suche nach einer Alternative zum starren Weiterbildungssystem. Nach der Geburt ihres ersten Kindes veränderten sich ihre beruflichen Perspektiven an der Universitätsklinik spürbar.
Die ursprüngliche Idee war klein: eine eigene Praxis, mehr Gestaltungsfreiheit, Medizin nach eigenen Vorstellungen. Dass daraus innerhalb weniger Jahre eine wachsende Unternehmensgruppe werden würde, war nicht geplant – ein gutes Beispiel dafür, dass Gründungen selten mit dem perfekten Plan beginnen, sondern mit dem Mut zum ersten Schritt.
Gute Medizin reicht heute nicht mehr aus
Viele Ärzt:innen gehen davon aus, dass medizinische Qualität automatisch eine gut ausgelastete Praxis bringt. In der Praxis sieht Dr. Schojai-Schultz bei Neugründungen immer wieder dieselben Probleme:
- fehlende Sichtbarkeit
- zu wenig Marketing
- ungünstige Standortwahl
- unterschätzte betriebswirtschaftliche Anforderungen
- unrealistische Erwartungen an die ersten Monate
Patient:innen informieren sich heute vor dem ersten Termin ausführlich: Sie vergleichen Ärzt:innen, lesen Bewertungen, schauen sich Websites und Social-Media-Kanäle an. Eine systematische Übersichtsarbeit aus 2019 zeigt, dass Online-Bewertungen und digitale Informationen die Arztwahl und das Vertrauen potenzieller Patient:innen erheblich beeinflussen können – ein Effekt, der in der privatärztlichen Versorgung weiter zunimmt.
Medizinische Kompetenz bleibt die Grundlage jeder Tätigkeit. Wahrgenommen wird eine Praxis aber nur, wenn sie sichtbar ist – über eine professionelle Website, authentische Social-Media-Kommunikation, aussagekräftige Bewertungen, SEO, hochwertige Bild- und Videoinhalte und eine klare Positionierung.
Marketing als Investition, nicht als Kostenpunkt
Ein Fehler, den Dr. Schojai-Schultz häufig beobachtet: Viel Budget fließt in Räume, Geräte und Einrichtung – für Marketing bleibt kaum etwas übrig. Dabei entscheidet gerade in den ersten Monaten die Sichtbarkeit darüber, wie schnell sich eine Praxis etabliert. Im Podcast nennt sie eine in der Ästhetischen Medizin gängige Erfahrungsgröße von rund 10 Prozent des Jahresumsatzes für Marketing.
Wichtiger als die konkrete Zahl ist die Haltung dahinter: Marketing von Anfang an als Investition zu verstehen, mit der junge Praxen früh Vertrauen aufbauen und ihre Expertise sichtbar machen.
Die häufigsten Gründungsfehler
Rückblickend würde Dr. Schojai-Schultz einiges anders machen: zu klein geplante Räumlichkeiten, eine zu vorsichtige Anfangsinvestition, zu geringe Marketingbudgets und das Unterschätzen organisatorischer Aufgaben. Mit der Selbstständigkeit kommen plötzlich Bereiche hinzu, die im Studium und in der Weiterbildung kaum eine Rolle spielen:
- Personalführung und Recruiting
- Buchhaltung und Controlling
- Marketing und Prozessmanagement
- Qualitätsmanagement und Einkauf
- Unternehmensstrategie
„Irgendwann stellt sich die Frage: Bin ich überhaupt noch Ärztin in dem Ausmaß, in dem ich sein möchte – oder mache ich inzwischen zu 90 Prozent andere Dinge?“
Mit wachsender Praxis verändert sich zwangsläufig die eigene Rolle – von der behandelnden Ärztin zur Unternehmerin.
Unternehmerisch denken lernen
Neben fachlicher Kompetenz nennt Dr. Schojai-Schultz drei Eigenschaften als entscheidend: Zielstrebigkeit, die Bereitschaft, hart zu arbeiten, und die Fähigkeit, Kritik nicht persönlich zu nehmen. Gerade öffentliche Bewertungen oder Kommentare in sozialen Medien belasten viele junge Praxisinhaber:innen emotional stark – sie selbst habe anfangs wegen negativer Google-Bewertungen geweint, erzählt sie offen.
Unternehmerische Entwicklung besteht eben nicht nur aus betriebswirtschaftlichem Wissen, sondern auch aus persönlichem Wachstum.
Social Media als Vertrauensbasis
Empfehlungen und Mundpropaganda reichen heute nicht mehr aus. Patient:innen verschaffen sich lange vor dem ersten Termin über Bewertungen, Website und Social Media einen persönlichen Eindruck. Gerade in der Ästhetischen Medizin entscheiden sich Patient:innen nicht nur für eine Behandlung, sondern für die Person, die sie durchführt. Dr. Schojai-Schultz sieht Social Media deshalb nicht als kurzfristigen Marketingkanal, sondern als Weg, medizinische Kompetenz sichtbar zu machen.
Das deckt sich mit Erkenntnissen aus der Gesundheitskommunikation: Eine patientenzentrierte, transparente und authentische Kommunikation trägt maßgeblich zum Aufbau von Vertrauen bei. Gleichzeitig zeigen Studien, dass digitale Kommunikation und Social Media die Beziehung zwischen Ärzt:innen und Patient:innen bereits vor dem ersten persönlichen Kontakt positiv beeinflussen können.
Viele Ärzt:innen scheuen sich vor Social Media, aus Sorge um Kritik oder die eigene Seriosität. Als Dr. Schojai-Schultz 2017 begann, galten perfekt inszenierte Bilder als Standard – mit der Zeit entwickelte sie einen eigenen, authentischeren Stil.
„Authentizität zu leben ist gar nicht so schwierig, weil das, was du zeigst, trotzdem immer nur ein kontrollierter Ausschnitt aus deinem Leben ist.“
Es geht dabei nicht darum, das Privatleben offenzulegen, sondern die Person hinter der Ärztin sichtbar zu machen: Wer behandelt mich, welche Werte vertritt die Praxis, kann ich dieser Person vertrauen? Transparenz und Nahbarkeit gelten als entscheidende Faktoren für Vertrauen im Gesundheitswesen – sie beeinflussen sowohl die wahrgenommene Glaubwürdigkeit als auch die Bereitschaft, medizinische Empfehlungen anzunehmen.
Viele Praxen geben nach wenigen Wochen ohne sichtbaren Erfolg auf – aus Sicht von Dr. Schojai-Schultz einer der häufigsten Fehler. Entscheidend sind:
- Regelmäßigkeit,
- Qualität der Inhalte,
- Relevanz für die Zielgruppe und
- laufende Auswertung.
Wer sich mit Social Media schwertut, sollte sich professionelle Unterstützung holen, statt es zu erzwingen.
Personal Branding: Das eigene Warum finden
In der Ästhetischen Medizin kaufen Patient:innen kein Produkt, sondern entscheiden sich für Vertrauen. Personal Branding gewinnt entsprechend an Gewicht: Wofür steht die Ärztin, welche Philosophie und welche Ergebnisse werden angestrebt? Eine starke Personenmarke entsteht nicht durch Inszenierung, sondern wenn fachliche Kompetenz, Persönlichkeit und Kommunikation zusammenpassen.
Für Dr. Schojai-Schultz und Dr. Berek war der Ausgangspunkt keine Kennzahl, sondern ein Anliegen:
„Wir wollten verantwortungsvolle Ästhetische Medizin auf Augenhöhe machen und die Branche sicherer machen.“
Dieses Warum prägt bis heute Kommunikation, Behandlungsauswahl, Raumgestaltung, Patient:innenumgang und Fortbildung bei Lieb Dein Gesicht. Auch der Praxisname wurde bewusst gewählt – einprägsam genug, dass er weitererzählt wird und im Gedächtnis bleibt.
Medizin auf Augenhöhe: die Marke als Erlebnis
Ausgangspunkt für das Konzept „Medizin auf Augenhöhe“ war eine eigene Erfahrung: Bei einer Beratung bei einem Plastischen Chirurgen fühlte sich Dr. Schojai-Schultz eher eingeschüchtert als willkommen. Diese Erfahrung wollte sie bei Lieb Dein Gesicht bewusst anders gestalten – mit
- persönlicher Begrüßung,
- wohnlicher Atmosphäre statt klassischer Praxisoptik,
- Beratung auf Augenhöhe,
- ausreichend Zeit für Fragen und verständlicher Aufklärung.
„Nichts ist Zufall. Der Geruch ist kein Zufall. Die Musik ist kein Zufall. Der Satz, den die MFA am Empfang sagt, ist kein Zufall.“
Was aus Patient:innensicht wie ein Detail wirkt, ist aus Sicht der Markenführung ein handfester Wettbewerbsvorteil. Jeder Kontaktpunkt trägt zur Marke bei: Website, Telefonat, Empfang, Beratung, Behandlung, Nachsorge. Für Gründer:innen heißt das: Eine starke Marke entsteht nicht durch einzelne Marketingmaßnahmen, sondern durch ein konsistentes Gesamterlebnis.
Natürliche Ergebnisse statt Quick Fix
Der Trend zu sichtbar unterspritzten Gesichtern, wie er die sozialen Medien der vergangenen Jahre prägte, kehrt sich um. Patient:innen wünschen sich heute ein frisches, erholtes Erscheinungsbild, ohne dass die Behandlung auf den ersten Blick erkennbar ist.
Auch in der Fachliteratur rückt die Gesamtqualität der Haut stärker in den Fokus: Hautgesundheit, Kollagenaufbau, Hautstruktur und Prävention ergänzen klassische Verfahren wie Botulinumtoxin oder Hyaluronsäure.
Damit einher geht ein Wandel bei den Patient:innenwünschen – weg von der Einzelbehandlung, hin zum Gesamtkonzept.
„Fast jede Patientin, die über 40 ist, kommt eigentlich für ein Behandlungskonzept. Diese Behandlungskonzepte umfassen meistens fünf bis sechs Behandlungen innerhalb eines Jahres.“
Je nach Ausgangslage kombiniert ein solches Konzept etwa
- Hautanalyse und Beratung,
- Biostimulation zur Kollagenneubildung,
- Skinbooster,
- Radiofrequenz-Microneedling,
- Lasertherapie,
- Botulinumtoxin,
- Hyaluronsäure und
- ein langfristiges Erhaltungskonzept – mit meist harmonischeren, nachhaltigeren Ergebnissen als bei isolierten Einzelbehandlungen.
„Wir haben gelernt, dass es diesen Quick Fix in der Ästhetik eigentlich nicht gibt.“
Wer etwa ausschließlich die Stirn regelmäßig mit Botulinumtoxin behandelt und andere Bereiche unbeachtet lässt, riskiert ein unausgewogenes Gesamtbild. Menschen nehmen Gesichter als Ganzes wahr – Symmetrie und Proportion zählen mehr als einzelne Falten. Deshalb setzt sich in der Ästhetischen Medizin zunehmend ein ganzheitlicher Ansatz durch.
Qualität statt Sparen
An der falschen Stelle zu sparen, wird nach Erfahrung von Dr. Schojai-Schultz langfristig teurer – bei der Praxisgründung genauso wie bei der Behandlung.
„Wenn Du an Produkten oder Geräten sparst, zahlst du tendenziell doppelt. Denn wenn die Ergebnisse schlecht sind, kommen die Patient:innen nicht wieder.“
Praxiserfolg entsteht nicht durch niedrige Kosten, sondern durch reproduzierbare Ergebnisse, hohe Zufriedenheit, Weiterempfehlungen und Vertrauen – gerade in der privatärztlichen Versorgung einer der wichtigsten Wachstumstreiber.
Offene Fehlerkultur als Qualitätsmerkmal
Auf Fachkongressen wird über Komplikationen meist nur anhand fremder Fälle gesprochen, kritisiert Dr. Schojai-Schultz. Für sie gehört der offene, ehrliche Umgang mit eigenen Erfahrungen zu einer verantwortungsvollen Ästhetischen Medizin – nur so können Kolleg:innen daraus lernen und die Patient:innensicherheit langfristig verbessert werden. Diese Haltung prägt auch das Fortbildungskonzept der Lipcademy.
Fortbildung, die in der Praxis funktioniert – die Lipcademy
Viele Fortbildungen konzentrieren sich auf Anatomie, Produkte und Injektionstechnik – aus Sicht von Dr. Schojai-Schultz zu wenig.
„Für mich war das damals sehr frustrierend, weil in den Fortbildungen immer sehr viel erzählt wurde, aber der Praxisteil fehlte.“
Vor allem praktische Übung und Komplikationsmanagement fehlten ihr während der eigenen Ausbildung – genau diese Lücke schließt die Lipcademy heute mit
- Hands-on-Trainings,
- realen Fallbeispielen,
- strukturierten Behandlungskonzepten,
- Austausch mit erfahrenen Ärzt:innen,
- Nachbetreuung und
- WhatsApp-Gruppen für Rückfragen.
Gute Ärzt:innen entstehen nicht durch möglichst viele Zertifikate, sondern durch kontinuierliches Lernen, kritisches Hinterfragen und den Mut zur Weiterentwicklung.
Fazit: Eine erfolgreiche Praxis entsteht lange vor der ersten Behandlung
Der Weg in die Selbstständigkeit beginnt nicht mit einer hochwertig eingerichteten Praxis oder der Social-Media-Kampagne, sondern mit einer klaren Haltung.
Nachhaltiger Praxiserfolg ruht auf mehreren Säulen – medizinischer Qualität, kontinuierlicher Weiterbildung, unternehmerischem Denken, authentischer Kommunikation, konsequentem Marketing, durchdachten Behandlungskonzepten und der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Eine erfolgreiche Praxis entsteht nicht durch einzelne gute Entscheidungen, sondern durch die Summe vieler konsequent umgesetzter Entscheidungen – Tag für Tag.
Von der Theorie zur eigenen Praxis
Was Dr. Merita Schojai-Schultz in Jahren aufgebaut hat, kannst Du Dir gebündelt und praxiserprobt aneignen: Unser Praxisgründungskurs begleitet Dich von der ersten Idee bis zur erfolgreich laufenden Praxis.